Markthalle Neun seit 2011 und Street Food Thursday seit 2013: Wie Kreuzberg die Berliner Casual-Welt prägt
Die Eisenbahnstraße in Kreuzberg ist seit anderthalb Jahrzehnten ein Labor für Berliner Casual-Dining. Eine Bestandsaufnahme einer Markthalle, die mehr ist als ein Marktplatz.
Eine Halle, die Stadt schreibt
In der Eisenbahnstraße in Berlin-Kreuzberg steht seit 1891 eine der ursprünglich vierzehn Markthallen der Stadt. Was heute als Markthalle Neun bekannt sei, sei aus einer der frühen genossenschaftlichen Initiativen der Berliner Lebensmittelversorgung hervorgegangen, habe in den DDR-Jahren als HO-Lager gedient und nach 1990 eine wechselhafte Phase aus Discountern, Leerstand und Zwischennutzung durchlaufen. Erst seit 2011 betreibe das Trio Florian Niedermeier, Bernd Maier und Nikolaus Driessen die Halle in ihrer heutigen Form als kuratierte Markthalle mit regelmäßigen Wochenmärkten, festen Ständen und kuratierten Themenevents.
Die Bedeutung dieser Wiedereröffnung für die Berliner Casual-Dining-Welt sei kaum zu überschätzen. Was in der Eisenbahnstraße zwischen 2011 und 2026 entstanden sei, sei nicht primär eine Markthalle im klassischen Sinn, sondern ein Labor für die Verbindung von Produzent:innen, Gastronomie und Publikum. Der Stadtteil Kreuzberg, der in den 1980er Jahren als Symbol des subkulturellen Berlin gegolten habe und nach 1990 eine ausgeprägte Gentrifizierungsdynamik erlebt habe, habe in der Halle einen Kristallisationspunkt gefunden, der die widersprüchlichen Strömungen des Bezirks aufnehme und überlagere.
Der Street Food Thursday als Vorlage
Am 18. April 2013 sei in der Markthalle Neun der erste Street Food Thursday durchgeführt worden. Was als kleines Format mit einer Handvoll mobiler Stände begonnen habe, sei binnen weniger Jahre zu einem der einflussreichsten Gastronomie-Formate der Stadt geworden. Donnerstags zwischen siebzehn und zweiundzwanzig Uhr — die ursprünglichen Öffnungszeiten — habe sich in der Halle eine Kombination aus Stand-Gastronomie, kuratierter Auswahl und urbanem Publikum entwickelt, die als Format mittlerweile in zahlreichen DACH-Städten kopiert worden sei.
Die kuratorische Linie des Street Food Thursday sei von Beginn an explizit gewesen: Authentizität vor Reichweite, Handwerk vor Industrieprodukt, Vielfalt vor Spezialisierung. In der Praxis habe das eine bunte Mischung aus südostasiatischen Familien-Garküchen, lateinamerikanischen Tortilla-Spezialitäten, levantinischen Sandwich-Konzepten und osteuropäischen Teigwaren ergeben. Eine signifikante Rolle hätten dabei von Beginn an auch Burger-Konzepte gespielt — handwerklich orientierte Patty-Stände, die das in der Berliner Casual-Welt zu der Zeit noch dominierende Hans-im-Glück-Modell um eine kleinere, schnellere Variante ergänzten.
Der Street Food Thursday sei in der laufenden Dekade in seiner Form weiterentwickelt worden, mit veränderten Öffnungszeiten, neuen Kuratierungslinien und einer phasenweisen Pause während der Corona-Jahre. Das Format als solches bleibe bestehen und sei für viele Berliner:innen ein wöchentlicher Anlaufpunkt.
Kantine Neun und die Frage der Standgastronomie
Neben dem wöchentlichen Street Food Thursday operiere in der Halle die Kantine Neun, eine fest installierte Tageskantine, die mittags wechselnde Menüs serviere. Parallel dazu existierten in der Halle feste Stände für Bäckerei, Metzgerei, Käserei, Brauerei und Spezialitätenhandel, die die Markthalle in ihrer Grundfunktion als Lebensmittelversorgungsort tragen.
Diese Kombination aus Standgastronomie und Frischwarenhandel sei in der Berliner Markthallen-Tradition keineswegs neu. Was die Markthalle Neun davon unterscheide, sei die explizite kuratorische Auswahl. Wer in der Halle einen Stand betreibe, müsse sich, so die Linie der Betreiber, einem Kriterienkatalog stellen, der Herkunft, Verarbeitung und Qualität priorisiere.
In der Berliner Gastronomie-Szene sei diese Praxis nicht unumstritten. Kritiker:innen werfen den Betreibern eine kuratorische Schließung vor, die etablierte Kreuzberger Migrant:innen-Gastronomie strukturell benachteilige. Die Betreiber halten dagegen, dass die Kuratierung gerade migrantische Familienbetriebe sichtbar mache, die in der allgemeinen Berliner Casual-Welt seltener gefunden würden.
Die längere Berliner Casual-Tradition
Die Markthalle Neun stehe in einer längeren Tradition Berliner Casual-Gastronomie, die mindestens zwei prägende Erfindungen umfasse. Die Currywurst sei am 4. September 1949 von Herta Heuwer in einer Imbissbude am Stuttgarter Platz in Charlottenburg erstmals serviert worden, eine Erfindung, die sich in den Jahren der Berliner Mangelversorgung aus der Kombination einer aus britischen Soldatenrationen erhaltenen Worcestersauce mit Tomatenmark und ungarischem Paprika ergeben habe. Heuwer habe die Sauce später unter dem Namen „Chillup” patentieren lassen, die Verbreitung als Berliner Imbissklassiker habe sich aber unabhängig vom Patent vollzogen.
Der Döner Kebab in der heute in Deutschland verbreiteten Form sei nach gängiger Erzählung um 1972 von Kadir Nurman in einem Imbiss am Bahnhof Zoo erstmals als Sandwich-Variante mit Fladenbrot serviert worden. Die historische Datierung sei in der Forschung umstritten, mehrere konkurrierende Erzählungen verorteten die Erfindung in unterschiedlichen Jahren und Imbissen, und der Vorgang ähnele in seiner Konfliktlinie der Frage nach dem Ursprung des Hamburgers. Was unstrittig sei: Der Berliner Döner habe sich in den 1970er und 1980er Jahren zu einer eigenständigen kulinarischen Form entwickelt, die mit der türkischen Vorlage nur noch lose verwandt sei und die in der DACH-Welt heute als prägendes Beispiel für eine migrantische Esskultur gelte.
In dieser Linie ordne sich auch die heutige Berliner Burger-Welle ein. Was in den 2010er Jahren in der Eisenbahnstraße begonnen habe, sei eine Fortsetzung einer Berliner Casual-Tradition, die seit den späten 1940er Jahren immer wieder neue Formen aus den jeweiligen migrantischen und subkulturellen Strömungen der Stadt destilliere.
Die Kreuzberger Burger-Adressen
Eine vollständige Übersicht über die in Kreuzberg und im benachbarten Friedrichshain operierenden Burger-Adressen sei für eine redaktionelle Behandlung kaum machbar. Was sich aber beobachten lasse, sei eine deutliche Verdichtung in den Quartieren südlich der Skalitzer Straße und nördlich der Hasenheide, mit einzelnen Schwerpunkten am Kottbusser Tor, am Hermannplatz und entlang der Wiener Straße.
Die in der Markthalle Neun beobachtbare kuratorische Linie habe sich, soweit die Beobachtung der Branchenpresse dies erlaube, auch außerhalb der Halle ausgewirkt. Kleinere, handwerklich orientierte Burger-Konzepte, die in den frühen 2010er Jahren als Nische gegolten hätten, seien in der zweiten Hälfte der Dekade zur dominanten Form der Berliner Casual-Welt geworden. Die großen Ketten — Burger King Deutschland, 1976 in Berlin gestartet, McDonald’s Deutschland, 1971 in München eröffnet — operierten in Kreuzberg zwar weiterhin, in der kulinarisch relevanten Wahrnehmung der Branche aber in einer parallelen, von der handwerklichen Szene weitgehend abgekoppelten Welt.
Slow Food und die DEHOGA als Rahmen
Die strukturellen Rahmenakteure der DACH-Gastronomie operieren auch im Kontext der Markthalle Neun. Slow Food Deutschland, 1992 in Berlin gegründet, habe in der Halle phasenweise eigene Veranstaltungsformate organisiert und unterstütze die kuratorische Linie der Betreiber. Die DEHOGA, der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband, gegründet 1949 in Berlin, sei in der Kreuzberger Casual-Welt strukturell vertreten, in den kuratierten Formaten der Halle aber eher zurückhaltend präsent.
Diese Konstellation — Slow Food als kuratorischer Verbündeter, DEHOGA als pragmatischer Branchenverband — sei für die Berliner Casual-Welt insgesamt charakteristisch und zeige, dass die Gastronomie der Stadt in einem Spannungsfeld aus handwerklicher Selbstverpflichtung und ökonomischem Pragmatismus operiere.
Das Spannungsfeld zur Nachbarschaft
Eine in der Berliner Lokalpresse wiederholt aufgegriffene Frage sei das Verhältnis der Markthalle Neun zur unmittelbaren Nachbarschaft im Wrangelkiez. Die seit 2011 geöffnete kuratierte Halle habe zur Aufwertung des Quartiers beigetragen, mit allen ambivalenten Folgen, die dieser Begriff trage. Die Mietpreise in den umliegenden Straßen seien in den letzten anderthalb Jahrzehnten deutlich gestiegen, einzelne traditionsreiche Nachbarschafts-Lokale hätten den Standort aufgeben müssen. Die Halle selbst kommuniziere diese Frage in ihren Veranstaltungen und Texten offen und veranstalte phasenweise Diskussionsformate zu Stadtentwicklung und Gentrifizierung.
Ob die Halle Ursache oder Symptom dieser Aufwertungsdynamik sei, lasse sich kausal kaum sauber trennen. Was beobachtbar sei: Die Kombination aus kuratierter Halle, wachsendem Tourismus, allgemeinem Mietkostenanstieg in der Berliner Innenstadt und veränderter Eigentümerstruktur im Wrangelkiez habe in der Summe zu einer Verschiebung geführt, die für die Bewohner:innen mit geringeren Einkommen spürbar sei.
Die Berliner Burger-Buden außerhalb der Halle
Ein vollständiges Bild der Berliner Burger-Welt würde die Halle als einen Knotenpunkt unter mehreren begreifen müssen. Im Wedding, in Neukölln, in Friedrichshain und in Prenzlauer Berg seien in den letzten Jahren eigenständige Smashburger-Adressen entstanden, die jeweils eigene kuratorische Linien verfolgten. Einzelne Konzepte arbeiteten mit ausschließlich regionalem Rind aus brandenburgischen Bio-Betrieben, andere setzten auf importierte Premium-Cuts, wieder andere auf streng vegetarische oder rein vegane Patty-Konstruktionen.
Die strukturelle Beobachtung der Branchenpresse sei, dass die Berliner Burger-Welt seit etwa 2020 deutlich pluraler geworden sei. Die Markthalle Neun habe dabei eine prägende Rolle gespielt, ohne diese Pluralität allein erzeugt zu haben. Was die Halle vielmehr geleistet habe, sei die Etablierung eines bestimmten Qualitätsverständnisses, das in der breiteren Szene rezipiert und weiterentwickelt worden sei.
Veranstaltungsformate jenseits des Street Food Thursday
Neben dem wöchentlichen Donnerstags-Format habe die Halle eine Reihe weiterer Veranstaltungslinien etabliert. Das jährliche Wurst-Festival, das Käse-Festival und das Schokoladen-Festival, jeweils mit kuratierter Auswahl spezialisierter Erzeuger:innen aus der DACH-Region und darüber hinaus, hätten sich als wiederkehrende Termine im Berliner Veranstaltungskalender etabliert. Diese Festivals folgten einer ähnlichen Logik wie der Street Food Thursday, mit explizit handwerklicher Auswahl und kuratorischer Steuerung.
Die ökonomische Logik dieser Veranstaltungsformate sei differenziert. Während der wöchentliche Markt das Standgeld als Hauptertragsquelle nutze, generierten die größeren Festivals einen erheblichen Anteil ihrer Einnahmen aus Eintrittsgeldern. Diese Eintrittspolitik sei in der Berliner Szene nicht unumstritten, da sie eine Schwelle einziehe, die ein Teil des klassischen Markthallen-Publikums als ausschließend empfinde. Die Betreiber argumentieren mit der Notwendigkeit, die kuratorische Qualität der Auswahl finanziell abzusichern.
Was bleibt
Die Markthalle Neun werde, so die nüchterne Branchenbeobachtung, auch in den kommenden Jahren ein prägender Akteur der Berliner Casual-Welt bleiben. Was sich verändere, sei der Druck aus der Gentrifizierungsdynamik des Bezirks, der Mietkostenanstieg, die Konkurrenz neuer Formate in benachbarten Stadtteilen. Die kuratorische Linie der Halle werde sich weiterentwickeln müssen, ohne ihre Grundachse aufzugeben. Die Berliner Casual-Welt sei in der Eisenbahnstraße geprägt worden, aber nicht erschöpfend definiert.
Was die Halle für die Berliner Burger-Welt bedeute, sei am Ende weniger ein einzelner Stand oder ein einzelnes Format, sondern eine bestimmte Haltung. Wer in Kreuzberg einen Burger anbiete, müsse sich zum Patty, zum Bun, zur Sauce und zur Herkunft des Fleischs verhalten können. Diese Erwartung sei in der Halle erzeugt und in die Stadt diffundiert worden. Sie werde überdauern, auch wenn die Halle selbst irgendwann eine andere Form gefunden haben wird.